Parisa Ghasemi macht Kino, das aus dem Inneren kommt. Ihr Kurzfilm »Mein perfekter Geburtstag« widmet sich Themen wie Identität, Zugehörigkeit und sozialer Gerechtigkeit – Gefühle stehen hier im Vordergrund. Im Interview erzählt uns die Regisseurin, wie sie das umgesetzt hat. 2025 lief der Kurzfilm bei der Diagonale, jetzt ist er in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen.

»Mein perfekter Geburtstag« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regelmäßig auf der Streamingplattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.
In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Mein perfekter Geburtstag«?
Parisa Ghasemi: »Mein perfekter Geburtstag« erzählt von einer 27-jährigen Kunststudentin, die trotz ihrer Sehnsucht nach Nähe an ihre Mutter emotional nicht mehr herankommt. Die beiden feiern gemeinsam den Geburtstag der Tochter, doch hinter den scheinbar alltäglichen Situationen brodeln ungelöste Konflikte, Verletzungen und Erwartungen. Der Film zeigt, wie schwer es ist, den Wunsch nach Liebe auszusprechen – und wie laut es in einem werden kann, wenn man ihn lange verschweigt. Es ist eine intime Geschichte über das Erwachsenwerden, über die Anforderungen der Gesellschaft, die von allen dasselbe erwartet und Vielfalt übersieht, über das Loslassen und über den Moment, in dem man einfach nur schreien möchte, um sich wieder zu spüren.
Woher kam die Inspiration dazu?
Die Inspiration entstand aus vielen persönlichen Beobachtungen – vor allem aus Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Besonders die Mutter-Tochter-Beziehung hat mich fasziniert, weil sie oft gleichzeitig liebevoll und schmerzhaft sein kann und oft von Erwartungen geprägt ist, die unausgesprochen bleiben – und trotzdem enormen Druck erzeugen. In der Geschichte spiegelt sich auch eine gesellschaftliche Realität wider: Ab einem bestimmten Alter soll man plötzlich komplett selbstständig sein, finanziell funktionieren und keine Unterstützung mehr brauchen. Doch gerade für junge Künstler*innen ist dieser Übergang oft realistisch gar nicht möglich. Mich beschäftigt, wie plötzlich man offiziell als »erwachsen« gelten soll – und wie wenig Raum es dabei gibt, sich auszuprobieren oder Unsicherheit, Verletzlichkeit und Orientierungslosigkeit zuzulassen. Die Figur Mila kämpft mit genau diesem Widerspruch. Sie ist offiziell erwachsen, aber innerlich noch auf der Suche nach sich selbst. Sie möchte ihren eigenen Weg gehen, fühlt sich aber auch emotional und wirtschaftlich überfordert. Gleichzeitig erlebt sie eine Mutterfigur, die mit ihren eigenen ungelösten Themen überfordert ist und ihr nicht die Unterstützung geben kann, die sie bräuchte. Der Film macht sichtbar, was sonst gern verdrängt wird: die Spannung zwischen Nähe und Entfremdung, Hoffnung und Überforderung, die Kluft zwischen äußeren Erwartungen und inneren Bedürfnissen. Es ist eine sehr persönliche Geschichte – und gerade deshalb eine, in der sich viele wiederfinden.
Wie bist du zu den Schauspielerinnen gekommen?
Katharina habe ich erstmals in der Hauptrolle des Kurzfilms »Schneemann« von Leni Gruber gesehen und mich sofort in ihre Spielweise verliebt. Einige Jahre später, als ich meinen Film umsetzen wollte, dachte ich sofort an sie – traute mich aber zunächst nicht, sie zu kontaktieren. Ich habe die Rolle zuerst mit zwei anderen Nicht-Schauspielerinnen ausprobiert, doch es war nicht das, was die Figur gebraucht hat. Also schrieb ich Katharina eine E-Mail, schickte ihr das Filmdossier – und sie sagte zu. Danach hatten wir einen Videocall und trafen uns anschließend persönlich. Die Entscheidung fühlte sich von Anfang an richtig an. Margarete wiederum kenne ich seit meinen ersten Tagen in Österreich. Ich habe damals ein Bewerbungsvideo für sie gedreht, mit dem sie an einer Schauspielschule in Los Angeles aufgenommen wurde. Seitdem wollte ich unbedingt einmal mit ihr zusammenarbeiten. Die Rolle der Mutter passte perfekt zu ihr und ich habe diese Chance sehr gerne genutzt. Bei beiden Darstellerinnen war mir wichtig, dass sie emotionale Tiefe und Nuancen zeigen können, ohne etwas zu erklären – genau das bringen sie mit.
Wie war der Prozess, um diese intime Dynamik glaubwürdig herzustellen?
Wir haben vor dem Dreh intensiv über die Backstory der Figuren gesprochen: gemeinsame Erlebnisse, Konflikte, Wünsche. Dadurch hatten die Schauspielerinnen ein starkes inneres Fundament. Am Set habe ich ihnen viel Raum gelassen, um Momente entstehen zu lassen – auch Pausen und Blicke durften wirken. Es ging weniger um perfektes Spiel, sondern darum, eine echte Verletzlichkeit zuzulassen. Ich hatte zwar ein vollständiges Drehbuch mit geschriebenen Dialogen, aber die letzte Version habe ich bewusst nicht mehr ausgehändigt. Stattdessen habe ich ihnen nur die wichtigsten Inhalte und Emotionen jeder Szene erklärt. Sie konnten die Worte dann in ihrer eigenen Sprache und in ihrem eigenen Rhythmus finden. Dadurch blieben die Momente lebendig und wirken nicht auswendig gelernt. Wir haben jede Szene zwei- bis dreimal von Anfang bis Ende durchgespielt, und die Kamera hat die Schauspielerinnen die ganze Zeit begleitet, ohne technische Unterbrechung. Unser Fokus lag nicht auf Licht oder Make-up, sondern ausschließlich auf den Gefühlen und der Wahrhaftigkeit des Moments.


Was bedeutet die letzte Szene, die mit dem kleinen Jungen?
In der letzten Szene wagt Mila endlich den Sprung von der hohen Schaukel – einen Sprung, den sie sich zuvor nicht zugetraut hat. Dabei schreit sie all die Emotionen heraus, die sie lange in sich getragen hat. Dieser Moment ist ein Ausdruck von Befreiung. Sie übernimmt die Kontrolle über ihre Angst und wagt den Schritt ins Unbekannte. Kurz darauf erscheint ein Junge, der ebenfalls springt und sich dann ruhig neben sie setzt. Diese Begegnung zeigt, dass nach einem emotionalen Zusammenbruch neue Verbindung möglich wird – ohne Erwartungen, ohne Vergangenheit. Gleichzeitig wirkt der Junge wie ein Spiegel ihres inneren Kindes: frei, neugierig, mutig. Die Szene soll Hoffnung geben – dass Heilung oft damit beginnt, sich selbst wieder näherzukommen und den Mut für den nächsten Sprung zu bewahren.
Was war die größte Herausforderung bei der Inszenierung?
Die größte Herausforderung war für mich die Entscheidung, die Szenen ohne Schnitt und komplett in einem Durchlauf zu drehen. Das war wichtig, damit die Emotionen der Schauspielerinnen nicht unterbrochen werden und die Intensität im Spiel erhalten bleibt. Gleichzeitig war das technisch sehr anspruchsvoll. Unser Kameramann musste die Schauspielerinnen über die gesamte Dauer – rund eine Viertelstunde – mit der Handkamera begleiten, dabei ständig den Fokus halten und zusätzlich noch das Licht bedienen. Wir waren ein sehr kleines Team und er meisterte all diese Aufgaben alleine. Dass das so gut funktioniert hat, hat enorm dazu beigetragen, dass die Szene so natürlich und authentisch wirkt.
Wie hat der Film dich persönlich geprägt?
Der Film hat mich mutiger gemacht, Geschichten zu erzählen, die wehtun können. Ich habe gelernt, dass Verletzlichkeit auf der Leinwand eine enorme Stärke ist. Gleichzeitig hat mich der Entstehungsprozess noch sensibler dafür gemacht, wie komplex Familienbeziehungen sind. Es war eine künstlerische und persönliche Reise – eine, die mich bestärkt hat, weiterzugehen. »Mein perfekter Geburtstag« hat mich persönlich stark geprägt – vor allem als Regisseurin, die intuitiv arbeitet. Ich habe bewusst nur mit einem einzigen, normalen Objektiv gedreht, weil ich ganz nah bei den Figuren bleiben wollte. Für mich war es wichtig, die Welt so zu zeigen, wie Mila sie fühlt – ohne filmische Ablenkung. Die meisten Szenen haben wir chronologisch gedreht, damit die Emotionen sich organisch entwickeln können und spontanes Spiel jederzeit möglich bleibt. Dadurch hat sich der Film immer wieder selbst überrascht – und mich mit ihm. Ich habe gelernt, meiner Intuition zu vertrauen, loszulassen, und Technik nie über Gefühle zu stellen. Dieser Film war für mich ein wichtiger Schritt: Er hat mich darin bestärkt, ein Kino zu machen, das aus dem Inneren kommt – und auch in meinen nächsten Filmen möchte ich diesen Weg weitergehen.
Arbeitest du bereits an einem neuen Projekt?
Ja, aktuell entwickle ich meinen neuen Kurzfilm »Wien barfuß«, der sich – ähnlich wie »Mein perfekter Geburtstag« – mit Verletzlichkeit und emotionalen Grenzen beschäftigt. Aus einer queeren Perspektive erzählt der Film von Nähe, Scham sowie Selbstfindung und fokussiert dabei auf die Beziehung zwischen zwei Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Das Projekt wurde bereits gefördert und wird realisiert. Ich möchte dafür unbedingt wieder mit Katharina Farnleitner zusammenarbeiten. Parallel arbeite ich an meinem ersten langen Dokumentarfilm »My Real Me«, den ich gerade in Docs Connect Conscious Filmmaking Lab entwickle. Darin setze ich mich sehr persönlich mit meiner eigenen Geschlechtsidentität sowie den gesellschaftlichen und familiären Erwartungen auseinander. Auch dieses Projekt ist für mich eine Reise zu mehr Selbstverständnis und innerer Freiheit – ein Thema, das sich in meiner Arbeit immer wieder auf unterschiedliche Weise zeigt. Und auch an der Idee für meinen ersten Langspielfilm »Jungle Witch« arbeite ich bereits, der ebenfalls ein sehr feministischer Film sein wird.
Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Junger Film aus Österreich.